Bossart-Orgel der Schlosskirche Spiez

I/P/10/1831

"Mit 179 Jahren habe ich den letzten Anstoss gegeben, das CHOP-Ensemble ins Leben zu rufen."

 

Stimmton: a = 430 Hz bei c. 15°

 

Die Orgel in der Schlosskirche Spiez wurde von Franz Josef Remigius Bossart im Jahr 1831 erbaut. Sie ist eines der letzten Werke der Orgelbauerdynastie Bossart aus Baar und fällt durch die unübliche Bauart im schrankförmigen Gehäuse auf. Sie ist deswegen einzigartig.

 

Man vermutet, dass sich Bossart durch italienische oder spanische Orgelbauer beeinflussen liess. Gehäuse und Pfeifenwerk sind mit Ausnahme der Pedalregister weitgehend original erhalten.

 

Disposition:

 

Manual (C–f’’’ 54 Tasten)

 

 

Pedal (C–f’ 30 Tasten)

   

Principal 8’ (C–H Holz, neu, Rest Zinn im Prospekt, alt)

Subbass l6’ (Holz gedeckt, neu)

Suavial 8’ (ab c’, Zinn im Prospekt, alt)

Rohrflöte 8’ (C–H Holz, Rest Metall, neu)

Spizflöte 8’ (C–H Holz, neu, Rest Metall, alt)

 

Gedackt 8’ (C–H Holz, neu, Rest Metall, alt)

 

Octave 4’ (alt)

 

Flûte 4’ (gedeckt, alt)

 

Quinte 3’ (alt)

 

Doublette 2' (alt)

 
   

 Koppel: Pedal-Manual (neu)

 

 

 

Geschichtliches:

 

19. März 1828

Der Erwerb einer gebrauchten Orgel wurde in einer „Extra Gemeinderaths-Session“ besprochen, blieb aber anscheinend erfolglos.

14. Juli 1828

Ein Protokolleintrag belegt, dass bis dato der Gemeindegesang auschliesslich durch Posaunenspiel, und dazu nicht besonders erfolgreich, geführt wurde: „Wegen jenem von Herrn Pfarrer Hopf dahier gemachten Antrag, die Posaunisten wegen eingelaufenen Beschwerden von nun an zu entlassen hat der Gemeinderath beschlossen dieselben noch bis zum 31. nächsthin beizubehalten, nachher aber ihres Dienstes zu entlassen“.

15. Januar 1831

Ein Vertrag für den Bau einer neuen Orgel mit einem Manual und 10 Registern wurde mit Franz Josef Remigius Bossart unterschrieben. Das Werk kostete 112 Louisd’or.

 

 

Disposition 1831:

 

Manual (C–f’’’ 54 Tasten)

Pedal (C–a 22 Tasten)

   

Principal 8’ (C–H Holz, Rest Zinn im Prospekt)

Subbass l6’ (Holz gedeckt)

Suavial 8’ (ab c’, Zinn im Prospekt)

Trompeten 8’

Burdon 8’ (C–H Holz)

 

Spizflöte 8’ (C–H Holz)

 

Octav 4’

 

Flötedus 4’ (gedeckt)

 

Quint 3’

 

Flageolet 2’

 

 

 

1869

Eine grössere Reparatur führte der Orgelbauer Johann Weber aus Bern für 415.15 Fr. aus. Anscheinend beschränkte sich Weber auf die Erneuerung der Bälge und auf die Modernisierung der Mechanik.

1907

Der Bau der Dorfkirche enthob die Schlosskirche von der Pfarrkirchen-Funktion, so dass die Bossart-Orgel von den Neuerungen des 20. Jahrhunderts (pneumatische sowie elektrische Traktur, neue Ladensysteme und klangliche Veränderungen) verschont blieb.

1949–50

Nach jahrelangen archäologischen Untersuchungen wurde die Schlosskirche unter der Leitung von Architekt Walter Sulser restauriert, d.h. das romanische Bauwerke wieder hergestellt. Eine Expertise von Ernst Schiess, der das Orgelwerk als „letztes altes Werk von Bedeutung im Bernbiet“ bezeichnete, gab den Anstoss, die Orgel zu den übrigen erhaltungswürdigen Ausstattungsstücken der späteren Zeit zu zählen, die in der Kirche, welche auf den Bestand des 11. Jahrhunderts zurückgeführte worden war, wieder Heimatrecht erhielten (unter Belassung einiger Ornamente der barocken Stuckierung).

1949–50

Umbau und „Restaurierung“ der Orgel durch die Firma Kuhn (Männedorf), nachdem sie abgebrochen und über zehn Jahre lang eingelagert war. Die Metallpfeifen waren zum Teil arg zerschlagen und die Holzteile stark vom Wurm befallen. Man versuchte mit den damaligen Mitteln, das Instrument als historisches Baudenkmal zu erhalten. Nur das „Notwendigste“ wurde neu hergestellt: Die Originale Trompete im Pedal samt Windlade wurde durch eine Rohrflöte ersetzt und die Schwebung des Suavials aufgehoben. Der bis zu diesem Zeitpunkt geschlossene Orgelkasten wurde oben und hinten „zur besseren Ausstrahlung des Orgelklangs“ geöffnete und auch seitlich wurden „Küchenfenster“ angebracht. Ein Elektroventilator und eine schaltbare Pedalkoppel wurden eingebaut.

1985

Ein neues Projekt der Firma Kuhn (Männedorf), unter der Leitung von Wolfgang Rehn, um das Instrument der originalen Gestalt näher zu bringen, wurde nicht realisiert.

                       

 

Bibliographie:

Münger, Fritz: Die Orgel in der Schlosskirche Spiez erbaut von Franz Josef Bossart 1831. In: Musik und Gottesdienst 11/3/1957 SS. 65–72

Gugger, Hans: Die Bernischen Orgeln. Die Wiedereinführung der Orgel in den reformierten Kirchen des Kantons Bern bis 1900. Stämpfli, Bern 1978 SS. 486–490

 

 

 

Auszug von Theo Ettlin (orgelexperte.ch)

 

 

 

Aus dem Zustands-Bericht:

 

 

 

Die von F. J. Remigius Bossart 1831 erbaute Orgel steht auf einer Empore, die im Kirchenraum als Fremdkörper zu bezeichnen ist. Es ist anzunehmen, dass durch die Versetzung der Orgel auf diese Empore nicht nur der optische Eindruck, sondern auch der Klangliche verändert wurde.

 

Klanglich macht die Orgel einen matten Eindruck. Möglicherweise wurde anlässlich der Revision bzw. Instandsetzung der Orgel (von einer Restauration kann nicht gesprochen werden) auch die Intonation nach damaligem Gusto verändert. Dies müsste allerdings noch genauer verifiziert werden. Ein Fremdkörper ist der Einbau einer Rohrflöte 8’ im Pedal. Ein solches Register wurde von R. Bossart nie disponiert. Sehr schmerzlich ist der Verlust der Pedaltrompete und der alten Windanlage. Die 1950 erstellte neue Windanlage dürfte das Klangbild ebenfalls negativ beeinflussen.